geschrieben von Mischa in Los Roques, Venezuela · 17.05.2016 · 2 Kommentare ·

Nach insgesamt mehr als drei Wochen in der Bucht von Le Marin haben wir langsam genug. Man kann hier ohne Auto eigentlich nicht allzuviel unternehmen außer Einkaufen, und davon hat sogar Jaqueline irgendwann die Nase voll. Schwimmen in der Bucht ist nicht allzu einladend, der nächste schöne Strand ist relativ weit entfernt und der Bus in die Hauptstadt unverhältnismäßig teuer, wir wollen weiter! Lange überlegen wir hin und her, ob wir direkt nach Bonaire (die am nächsten gelegene Insel der ABCs) segeln oder einen Zwischenstopp auf den Los Roques einlegen sollen. Los Roques, ein Korallenarchipel ca. 130 Kilometer nördlich von Caracas, gehört zu Venezuela, einem Land, das momentan unter Seglern keinen guten Ruf genießt. Durch die gravierenden politischen und finanziellen Probleme ist die Zahl an Verbrechen auch gegen Touristen gestiegen, und Venezuela hat heute eine der höchsten Mordraten weltweit. Außerdem werden auch immer wieder Piratenüberfälle auf Segelyachten gemeldet. Die meisten Segler, mit denen wir sprechen, würden nicht im Traum daran denken, nach Venezuela zu segeln, und raten uns dringend ab. Langsam merken wir aber, dass die, die wirklich vor kurzem auf den Los Roques waren, begeistert davon schwärmen, während die, die uns abraten, nur irgendwo gelesen haben, dass es dort gefährlich wäre. Wir entscheiden uns, der ersten Gruppe zu glauben, und holen am Dienstag, den 10. Mai 2016, mit Toms Hilfe den Anker auf und setzen Kurs Richtung Los Roques.
Die Überfahrt wird sehr anstrengend für uns beide: Willi entschließt sich, ausschließlich neben Jaquelines Brust schlafen zu wollen, was bedeutet, dass Jaqueline fast ununterbrochen unter Deck mit Willi beschäftigt ist und ich vier Nächte hintereinander Wache gehen muss. Zusätzlich dazu sind wir – das Timing könnte schlechter nicht sein – beide die ersten zwei Tage seekrank, wohl durch die lange Pause in Martinique. Am dritten Tag sind wir beide wieder halbwegs fit, allerdings schon ziemlich geschafft. Wind und Wetter sind aber hervorragend, wir segeln mehrere 100-Meilen-Etmale heraus, es ist warm und regnet nicht. Am fünften Tag kommt morgens schließlich die Hauptinsel des Los-Roques-Archipels, El Gran Roque, in Sicht. Erleichterung stellt sich ein, der Anker fällt bei 4 Meter Wassertiefe. Wir legen uns erstmal in die Kojen, und als ich am nächsten Morgen zum Einklarieren an Land gehe, legt sich auch die letzte Nervosität. Gran Roque und seine Bewohner wirken sehr nett, unsicher fühlt man sich hier absolut nicht.

Willi verabschiedet sich von Tom

Willi verabschiedet sich von Tom

Zu Gast bei Anna, Franz und Milena auf der SCORPIO

Zu Gast bei Anna, Franz und Milena auf der SCORPIO

Anna ist Profi und zeigt uns, wie man Babys an Bord wiegt: Mit einer Fischwaage!

Anna ist Profi und zeigt uns, wie man Babys an Bord wiegt: Mit einer Fischwaage!

Champions League am Nachmittag in der Mango Bay Bar

Champions League am Nachmittag in der Mango Bay Bar

unterwegs über das karibische Meer

unterwegs über das karibische Meer

Wellenfotos wirken immer so lächerlich, in Wahrheit war das viel beeindruckender :-)

Wellenfotos wirken immer so lächerlich, in Wahrheit war das viel beeindruckender 🙂

Willi darf ab und zu ins Cockpit

Willi darf ab und zu ins Cockpit

das Dreamteam: Jaqueline und Willi in der Achterkabine

das Dreamteam: Jaqueline und Willi in der Achterkabine

Land in Sicht! Passender Name: El Gran Roque

Land in Sicht! Passender Name: El Gran Roque

Im Vorfeld haben wir gelesen, dass die Einklarierungsprozedur relativ kompliziert sein soll, man muss fünf Ämter abklappern und vorher irgendwo versuchen, Bolivars aufzutreiben, die Währung von Venezuela. Die Entwicklungen der letzten Jahre haben zu einer starken Inflation in Venezuela geführt und die Währung ist fast nichts mehr wert. Offiziell will man das anscheinend nicht eingestehen, der angegebene Kurs liegt je nach Quelle so bei 5-10 Bolivars pro US-Dollar. Die Wahrheit sieht anders aus: In einer Apotheke bekomme ich für 20 US-Dollar einen riesigen Stapel Geldscheine in die Hand gedrückt. Unmöglich, das so mal schnell zu zählen, aber es wird schon reichen, denke ich, und gehe damit bewaffnet zum Flughafen, wo sich eine Polizei-Dienststelle befinden soll. Tatsächlich, unter einem Partyzelt sitzen zwei Polizisten und zwei Soldaten. Mit ein paar Brocken spanisch und einer komplett nutzlosen Übersetzungs-App auf dem Handy des einen Polizisten mache ich ihnen klar, dass wir mit einem Segelboot angekommen sind und ich gerne offiziell einklarieren würde. Die Beamten sind verdutzt, sie haben keine Ahnung, was zu tun ist. Da ihnen aber offensichtlich sowieso langweilig ist, beschließt der Ranghöchste: “Vamos a inspeccionar el barco!”. Schnell wird noch mein Rucksack durchsucht, der Geldstapel drinnen interessiert zum Glück niemanden, dann soll ich sie zu unserem Beiboot führen. Durch das Geschaukel auf See ist anscheinend Luft in die Benzinleitung unseres Außenbordmotors gekommen, bei der Fahrt an Land hatte ich ihn nur mit Mühe am Laufen halten können, und ich sehe schon vor mir, wie die Jaqueline verdutzt aus dem Niedergang schaut, während ich vier Beamte in Uniform mit nassen Füßen samt ihrem Drogenhund in unserem leckenden Dinghi zur SAILOR MOON paddle… doch dazu kommt es nicht, unterwegs treffen wir einem Beamten der Küstenwache, der die Inspektion für nicht notwendig erklärt und mich in irgendein Gebäude mitnimmt, offensichtlich die Zoll- und Einwanderungsbehörde. Dort wird mir erklärt, dass die Einklarierungsgebühr 9.000 Bolivars beträgt, und wir aber noch die Park-Eintrittsgebühr (Los Roques ist ein Nationalpark) zu bezahlen hätten, ungefähr 56.000 Bolivars. Es stellt sich heraus, dass ich in etwa 17.000 Bolivars gewechselt habe, also viel zu wenig. Natürlich könne ich auch in US-Dollar bezahlen, das wären dann 100 Dollar. Überschlagsmäßig kommt mir das ein bisschen übertrieben vor, und außerdem habe ich nur noch etwa 50 Dollar dabei. Die Beamten wiegen den Kopf, per Google-Übersetzer wird mir aber versichert, dass eine Lösung gefunden werden kann. Ein Uniformierter verschwindet mit meinen letzten Dollars, kommt wenig später mit einem Plastiksack voll Papiergeld zurück, und das große Zählen beginnt. 15 Minuten später stellt sich heraus, dass zufällig genau die geforderte Summe da ist, zu bezahlen beim Schalter der Parkverwaltung. Also stopfe ich das ganze Paket durch den engen Schlitz, die Dame stellt mir eine Rechnung für 56.332 Bolivars aus und wir bekommen drei Nationalpark-Tickets. Dann werden noch unsere Pässe gestempelt und wir bekommen Einreisepapiere ausgestellt. Geschafft, wir sind offiziell und ganz legal auf den Los Roques! Die ganze Prozedur hat in etwa zwei Stunden gedauert, die Beamten waren trotz der sprachlichen Schwierigkeiten alle sehr freundlich und hilfsbereit und – wir haben nachgerechnet – auch korrekt.
Am Nachmittag gehen wir erstmals zu dritt an Land und erkunden die Insel ein bisschen. Es gibt viele kleine Pensionen, und offensichtlich ist Kite-Surfen hier ganz groß. Früh morgens starten kleine Boote mit zahlenden Kite-Surfern aus aller Welt zu den umliegenden Inseln, trotzdem haben wir den Eindruck, dass die Geschäfte schonmal besser gingen. Viele Shops und Restaurants sind geschlossen, die Auswahl an Lebensmitteln sehr beschränkt. Großartig Sorgen über die Zukunft dürfte sich aber niemand hier machen, und zumindest die Lage auf den Los Roques dürfte dank dem Tourismus deutlich besser sein als am Festland. Wir fühlen uns jedenfalls absolut wohl hier, die nächsten Tage wollen wir dann mit der SAILOR MOON die umliegenden Inseln erkunden, bevor wir in zwei Wochen wieder ausreisen müssen und wohl nach Bonaire weitersegeln werden.

der kleine Ort auf Gran Roque

der kleine Ort auf Gran Roque

Pause mit Meerblick

Pause mit Meerblick

Sicht auf zwei der Nachbarinseln

Sicht auf zwei der Nachbarinseln

ein bisschen Kleingeld

ein bisschen Kleingeld

der alte Leuchtturm

der alte Leuchtturm

Jaqueline genießt den Wind

Jaqueline genießt den Wind

Unser erster frei lebender Papagei!

Unser erster frei lebender Papagei!

Spaziergang auf Gran Roque

Spaziergang auf Gran Roque


2 Comments

  1. Hallo!

    Super, dass Ihr die Überfahrt so gut hinbekommen habt!
    Euer erster Offizier ist doch recht anspruchsvoll 😉
    Haben schon sehnsüchtig auf die ersten Bilder gewartet!
    Alles Gute!

  2. Anna & Martin

    das Beruhigungsfoto für die Großeltern vom Willi mit Schwimmweste habts diesmal vergessen…

    Cheers

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