geschrieben von Mischa in Jacare, Brasilien · 15.04.2015 · 19 Kommentare ·

Nach drei Wochen in der Jacare Village Marina beschließen wir, die SAILOR MOON zu verlegen und etwas weiter draußen im Fluss zu ankern. Das spart erstens Geld, und zweitens ist es draußen etwas kühler, weil immer ein bisschen ein Wind geht, denken wir. Weit gefehlt! Die ersten zwei Nächte ist es windstill und wir können kaum schlafen, weil wir stundenlang winzige, blutsaugende Sandmücken jagen. Sie sind so klein, dass sie durch unsere Fliegengitter schlüpfen können, kaum zu sehen, und sie hinterlassen tagelang juckende Stiche. Hundemüde fahren wir am Karsamstag in die Stadt und kaufen im Casa dos Mosquiteiros engmaschigere Moskitonetze, dann ist Ruhe.

Ankern im Fluss

Ankern im Fluss

Ein Esel verirrt sich ins Marinagebäude...

Ein Esel verirrt sich ins Marinagebäude…

...und muss natürlich fotografiert werden

…und muss natürlich fotografiert werden

Nach einem Monat in der Marina und nichts zu reparieren am Boot verbringen wir die Abende oft gemeinsam mit anderen Seglern und lernen so die unterschiedlichsten Typen kennen. Dylan beispielsweise ist 21, hat eine vierjährige Tochter und ist einer der 3000 Bewohner der Falklandinseln. Er hat sich in England günstig seine AROMBAI, ein 29-Fuß-Stahlboot, gekauft und ist jetzt dabei, sie in Etappen heim in den Süden zu bringen. Schon in Mindelo ist uns das kleine, spartanisch ausgestattete Boot mit den vielen Roststellen aufgefallen. Dylan ist ein praktischer Typ, der nicht viel auf optische Eitelkeiten gibt, unsere Boote sind ähnlich und wir verstehen uns auf Anhieb. Einige Abende sitzen wir gemeinsam mit ihm und seiner russischen Mitseglerin Natasha in der Marinabar, trinken Bier und reden. Dylan muss allerdings bald wieder heimfliegen, um einige Monate zu arbeiten, sein Boot lässt er hier, und wir dürfen inzwischen seinen Außenborder benutzen. Das ständige Paddeln gehört damit der Vergangenheit an, in der Strömung im Fluss hätten wir uns wohl auch schwergetan.
Kris hingegen ist über 60 und gehört einer aussterbenden Spezies an, er ist einer der wenigen, abenteuerlichen Low-Budget-Segler der alten Schule. Aus dem kommunistischen Prag geflüchtet, verschlägt es ihn über Umwege nach Tasmanien, wo er sich aus Schrott sein Stahlboot zusammenschweißt und damit quer durch Asien und Afrika segelt. Lange Zeit verdient er Geld, indem er unterschiedlichste Ladungen transportiert oder Second-Hand-Kleidung verkauft. Er hat ein bewegtes Leben hinter sich, ist quer durch Afrika geradelt, achtmal an Malaria erkrankt und verbringt jetzt seine “Pension” gemeinsam mit seiner Frau, dem Multitalent Nat, auf einem alten Fischtrawler in Darwin, Australien, und auf Reisen auf seinem immer noch äußerst spartanisch ausgetatten Segelboot ohne Cockpit, Motor oder Elektronik. Er hat mittlerweile vier Bücher geschrieben, die er im Eigenverlag auf seiner Homepage vertreibt – sehr empfehlenswert!
Außerdem ist da Kevin, der als 7. von 13 Kindern in Südafrika geboren wurde. Mit 16 musste er für zwei Jahre im Krieg gegen Angola kämpfen, danach wollte er nicht mehr in Südafrika leben und ist seitdem auf Reisen. Er hat zum Beispiel Kanada und Europa zu Fuß durchquert oder ist per Jeep von Kapstadt nach Kairo gereist. Mittlerweile ist er mit seiner OPALA einmal um die Erde gesegelt und hat noch lange nicht genug.
Zu dieser Runde stoßen dann noch die Amerikaner Sheila und Stuart von der IMAGINE und die Argentinierin Julie, deren Verlobter Toby zum Arbeiten nach Australien geflogen ist und die alleine ihre SUNFLOWER bewacht.

Kevin

Kevin

Dylan

Dylan

Park in Joao Pessoa

Park in Joao Pessoa

Fahrtensegler fotografieren einen Baum

Fahrtensegler fotografieren einen Baum

Die gefürchteten brasilianischen Straßenräuber machen nicht mal vor Statuen halt

Die gefürchteten brasilianischen Straßenräuber machen nicht mal vor Statuen halt

Posing in Joao Pessoa

Posing in Joao Pessoa

Die Stadt liegt mitten im Wald

Die Stadt liegt mitten im Wald

Der Brite Brian, der in den 70ern die erste Marina in Jacare eröffnet hat und jetzt immer noch eine kleine Werft betreibt, lädt die ganze Bande zu einer Grillparty auf das Anwesen seines Sohnes ein. Zu sechst zwängen wir uns in das winzige Auto von Brians Tochter Pamela und fahren in die Pampa südlich von Joao Pessoa. Das Grundstück ist drei Hektar groß, bietet neben allen möglichen tropischen Pflanzen und Früchten ein Haus mit vier Schlafzimmern, einen Pool und eine Bar mit Billiard- und Tischtennistisch. Wir verbringen einen genialen Nachmittag mit Schwimmen, Grillen, Bier und Spielen. Brian ist dabei, eine Windsteueranlage zu konstruieren, und so haben wir reichlich Gesprächsstoff. Abends nimmt uns Pamela mit zurück zum Boot. Sie ist auf dem Weg in die Kirche und erklärt uns alles über die Religionen in Brasilien, anscheinend eines ihrer Lieblingsthemen.

Die Damen spielen Skip-Bo

Die Damen spielen Skip-Bo (Jaqueline, Sheila und Julie)

Bei Brian

Bei Brian

Aussicht aus Pamelas Appartment

Aussicht aus Pamelas Appartment

Tropische Vegetation auf Brians Grundstück

Tropische Vegetation auf Brians Grundstück

Gibt es sonst noch was Neues auf der SAILOR MOON? Ja, und zwar etwas, dass mit einem Schlag sowohl alle unsere vorgedruckten Crewlisten als auch unsere so schön gestaltete Visitenkarte unbrauchbar machen wird: Jaqueline ist nämlich schwanger!
Jaqueline ist Controllerin durch und durch und hat das Wort “ungeplant” schon vor langer Zeit aus ihrem Wortschatz verbannt, deshalb sind wir deutlich weniger überascht als die zukünftigen Großeltern, Urgroßeltern und Onkel. In Mindelo/Kap Verden hatten wir Zeit, viel Zeit, und als es absehbar wurde, dass wir es 2015 nicht mehr bis zum Pazifik schaffen würden, haben wir unsere Pläne wiedermal kurzfristig geändert. Noch auf den Kap Verden waren wir im Krankenhaus und haben nach einigen sprachlichen Schwierigkeiten und einem komplett nutzlosen Ultraschall Jaquelines Schwangerschaft per Bluttest bestätigt bekommen. Die Seekrankheit während der Atlantiküberquerung war leider ein ungeplanter Nebeneffekt. In Brasilien angekommen lesen wir, dass schwangere Frauen fast immer seekrank werden – wer rechnet denn mit sowas!?
Jaqueline braucht einige Zeit, um sich an die tropischen Temperaturen hier zu gewöhnen, direkt nach unserer Ankunft fühlt sie sich ein bisschen matt. Wir lassen uns vom Marinabetreiber Nicholas die Adresse von einer auf Frauenheilkunde spezialisierten Klinik in Joao Pessoa geben und machen uns auf den Weg dorthin, um die üblichen Routineuntersuchungen durchführen zu lassen. Erstaunlicherweise spricht dort kaum jemand Englisch, und durch ein Missverständnis kommen wir in die Notfallabteilung, wo Jaquelines Blutdruck gemessen wird und sie anschließend eine Infusion bekommt. Danach passt der Blutdruck, Jaqueline fühlt sich besser und wir werden heimgeschickt. Wir protestieren. Daraufhin kommt ein Arzt mit einem museumstauglich aussehenden Gerät und versucht offenbar, den Herzschlag des Babys zu hören. Die Schwester dreht konzentriert an den Knöpfen, der Arzt schließt die Augen und hält sich ein Ohr zu, aber vergeblich. Wir versuchen, uns das Lachen zu verkneifen, und schließlich findet sich doch ein junger Brasilianer, der in Europa studiert hat und versteht, was wir eigentlich wollen. Wir werden zu Dr. Marco gebracht, der ein bisschen Englisch spricht und sich um uns kümmern wird. Er rät uns zu diversen Bluttests und einem Ultraschall, den üblichen Untersuchungen, die auch für den österreichischen Mutterkindpass vorgeschrieben sind. In den nächsten Tagen gehen wir in der Klinik ein und aus, Jaqueline lässt sich Blut abnehmen, wir holen Befunde ab und bringen Proben ins Labor. Manchmal ist das Ganze ein bisschen anstrengend, weil unser Portugiesisch immer noch sehr mies ist und keiner Englisch spricht. Trotzdem ist das Klinikpersonal wahnsinnig bemüht und hilfsbereit, und bald kennt und grüßt jeder die beiden merkwürdigen Ausländer, die sich aus irgendeinem Grund in den Kopf gesetzt haben, ihre Schwangerschafts-Vorsuntersuchungen in einem Land durchführen zu lassen, dessen Sprache sie nicht sprechen.
Am 14. April ist es soweit, Jaquelines erster Ultraschalltermin ist gekommen. Wir haben lange diskutiert, ob und wann wir das Geschlecht unseres Kindes wissen wollen, und sind schließlich zu dem Kompromiss gelangt, bis zum siebenten Monat zu warten. Der Arzt kann von alldem nichts wissen, und nach einem kurzen Blick auf den Monitor ruft er begeistert aus “It’s a boy!”, sichtlich stolz auf seine Englischkenntnisse. Wir werden also Eltern eines Sohnes werden, und laut Arzt ist alles OK und dem Baby geht es gut. Auch Jaqueline fühlt sich immer besser, sie ist mittlerweile in der 13. Schwangerschaftswoche, solange wir nicht auf See sind, hat sie so gut wie keine Beschwerden. Allerdings lässt sie schon der Gedanke an unsere kleine, in den Wellen schaukelnde SAILOR MOON erschaudern, deshalb werden wir unsere Pläne ein weiteres Mal ändern. Das Baby soll in Österreich geboren werden, deshalb werden wir im Sommer heimfliegen. Entweder wir lassen das Boot hier, und ich bringe es im Winter nach Trinidad, oder ich segle die SAILOR MOON noch vor dem Sommer in die Karibik. Nach der Geburt wollen wir auf jeden Fall so bald als möglich zu dritt auf unser Boot zurückkehren und dann durch die Karibik in die USA segeln. Wie was wann genau, wird sich noch herausstellen. Klar ist nur, dass wir jetzt noch ein, zwei Monate in Brasilien verbringen werden, eventuell nach Rio fliegen, ein Auto mieten oder sonst wie die Gegend erkunden, bevor wir die SAILOR MOON für eine kurze Baby-Pause verlassen.

Resultado: Positivo

Resultado: Positivo

Eine Infusion in der Notfallambulanz

Eine Infusion in der Notfallambulanz

Babybanane 1

Babybanane 1

Babybanane 2

Babybanane 2


19 Comments

  1. Gurki & Vally

    Herzliche Gratulation! Das sind ja amal Neuigkeiten!

  2. Tolle Nachricht. Herzlichen Glückwunsch euch beiden! Ich freu mich total mit euch.

  3. GANZ DICKES GZ IHR 2 !!!!!

  4. Oli (der coole)

    Gratulation!!!!!!! Awesone!!!! LOL – it`s a boy; genialer Arzt 🙂

  5. GRATULATION!!!!!!! Der Arzt ist echt herrlich 😉

  6. Herzlichen Glückwunsch ihr zwei!!!!!! Freu mich total für euch!!!!!!!! Und natürlich auf ein baldiges Wiedersehen!!! Viele :-*
    Alles Liebe, Nici

  7. Kallinger Gerhard

    Haben die Neuigkeit gerade von Sabine gehört, etwas überraschend, aber
    Familienzuwachs ist immer was Schönes, auch wenn es nicht ganz in den Plan passt.
    Jetzt ist euer Kind das Wichtigste!!
    Herzlichen Glückwunsch
    Die Kallinger`s, Frankenau

  8. …meinen herzlichen Glückwunsch euch beiden, hatte so ne Ahnung, als es viel und oft um Seekrankheit ging und die Sparte “Finanzielles” etwas brach lag – ein schöner Grund!
    Sailormoon ist übrigens im Umgang mit Kleinstkindern schon sehr erfahren, besonders die Achterkajüte hat es ihnen immer angetan!

    Lasst es euch gut gehen und viel Glück für die Zukunft!

    Take care & Ahoi
    Thomas

  9. Herzlichen Glückwunsch und viel Glück für die Zukunft!
    Der zukünftige Großvater hat uns nix verraten 🙂

    Liebe Grüße Erni

  10. Hey gratuliere Euch!!!!

    Habe gerade erst den Tipp zu Eurem Blog von einem meiner Blogleser bekommen und Euch gleich mal bei mir in die Liste der österreichischen Langzeitsegler aufgenommen 🙂

    Alles Gute weiterhin,
    LG Markus

  11. Fam. Walder

    Na bum. Obergeil! Congrats!!
    Christian, Cornelia und Franziska

  12. Gratulation
    Alles Gute
    Susi und Michael

  13. Sonja & Jürgen

    Hallo ihr beiden !
    Das ist ma ne überraschung die allerherzlichsten Glückwünsche aus der EIFEL.
    Lg
    Sonja & Jürgen

  14. Gratulation ! Ich weiss, im Nachhinein ist man immer klüger, aber wird dachten schon das könnte der Grund für die langandauernde Seekrankheit sein…Geniesst die Zeit.

    Liebe Grüsse
    Robert & Heidi
    SY Pura Vida / Las Palmas

    PS: Wie geht sich das mit dem 3 Monatsvisum aus ?

  15. hallo jaqueline, jetzt habe ich länger nicht mehr gelesen und dann steig ich genau bei diesem eintrag ein: ich wünsche euch alles liebe und herzliche gratulation!

  16. Herzliche Gratulation!
    LG
    Wolfgang

  17. Liebe Jaqueline, lieber Michael,

    aus Tirol (ich wohne jetzt in Aldrans bei Innsbruck) sende ich Euch über den Atlantik nach Brasilien (wo ich auch einmal war, allerdings per Flugzeug) herzliche Glückwünsche für Euch und Euer Kind. Es ist ja schon im Mutterschoß ein Seefahrer geworden. Ich wünsche ihm ein sicheres Ankommen auf dem Land in seiner Heimat und Euch gute Entscheidungen für die nächsten Monate.
    Mit herzlichen Grüßen
    Paul

  18. Ich finde eure Story an Waaaahnsinn und freu mich über die Neuigkeiten!
    Herzliche Gratulation u Lg nach Brasilien!
    Bernd

  19. Otmar Bergsmann

    One more! Yeah!!
    Na das ist ja mal ‘n Ding: Zu zweit zu einer Weltumseglung aufzubrechen, und zu dritt zurück zu kommen, herzlichen Glückwunsch! Alles Gute für Euch drei!!!
    Ich hab nach längerer Zeit wieder mal reingelesen in eure spannenden Berichte, die Erlebnisse in Mindela, die anstrengende Atlantiküberquerung und die Erholung in Brasilien – ihr schreibt gut und unterlegt es mit aussagekräftigen Bildern. Toll!
    Und dann noch die Schwangerschaft – ihr erlebt wirklich viel! Nochmals herzliche Gratulation und die besten Glückwünsche aus einem heute wieder sonnigen Wien.
    LG, Otmar

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